Pressenotiz

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Pressenotiz
Mit nackter Haut wird beim Filmfestival in Cannes traditionellerweise nicht gegeizt. Passanten und Pressevertreter auf der Promenade de la Croisette rieben sich am 16. Mai 2009 trotzdem verwundert die Augen.

Das waren nicht die chirurgisch optimierten Alabasterkörper von Stars oder Sternchen, die sie zu sehen bekamen, sondern ein Haufen wenig durchtrainierter Belgier mit Körperbehaarung und Bauchansatz. Und diese Gestalten posierten nicht etwa, sie lieferten sich,so wie Gott sie schuf, ein Nacktfahrradrennen vorbei an Palmen und dem azurblauen Meer.

Regisseur Felix van Groeningen und seine Schauspieler stellten eine Szene aus ihrem Film „Die Beschissenheit der Dinge“ nach, in dem derlei alkoholgeschwängerte Wettbewerbe alles andere als ungewöhnlich sind. Die nudistische Showeinlage war eine gelungene Werbemaßnahme für den in der Reihe Quinzaine des Réalisateurs gezeigten Film.

Doch sie traf auch den Ton dieses außergewöhnlichen Werks. Der 1978 geborene van Groeningen erzählt hier kein schnödes Sozialdrama, sondern eine sehr persönliche Familiengeschichte.

Die Strobbes sind in ihrem Dorf der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens; für jedes Trinkgelage zu haben, bei jeder Prügelei in vorderster Reihe dabei, beständig bemüht, die Dorfschönheit flachzulegen, und heldisch verehrt für ihre überlegenen Siege beim Nacktfahrradrennen und Wettsaufen. Dieses unbändige Leben wird in Szenen grotesker Komik eingefangen. Der Umgangston ist derbe, doch der 13-jährige Gunther genießt die ruppige Herzlichkeit seiner Familie und ihren bedingungslosen Zusammenhalt. Dass sein Vater alkoholkrank ist, stellt für den Jungen die normalste Sache der Welt da. Trotz all der Unberechenbarkeit eines Alkoholikers ist bei dem Mann stets das verzweifelte, rührende Bemühen zu erkennen, ein guter Vater zu sein. Das kann nicht gelingen, und ganz allmählich wandelt sich der Ton des Films.

Anders als bei den meisten Tragikomödien dienen die komödiantischen Momente dabei nicht dem Spannungsabbau. Eher ist es umgekehrt: Das Lachen bleibt dem Zuschauer im Hals stecken.

Eine geschickt in die Handlung verwobene zweite Erzählebene zeigt den  erwachsenen Gunther, der ein erfolgloser Schriftsteller ist und an den emotionalen Folgen seiner Kindheit leidet. Er muss sich mit seiner Gefühlskälte und Bindungsunfähigkeit auseinandersetzen, ein schmerzvoller Reifeprozess, an dessem Ende ein Glück steht.

„Die Beschissenheit der Dinge“ basiert auf dem autobiographischen Roman von Dimitri Verhulst, in dem der Autor von eigenen Kindheitserfahrungen erzählt. Das Buch war in Belgien und Holland ein Bestseller und ist in Deutschland im Luchterhand Verlag erschienen.

Felix von Groeningen hat daraus einen bemerkenswerten Film gemacht. Es gibt Szenen großer Zärtlichkeit, die unvermittelt in Gewalt umschlägt. Hinter Momenten lakonischen Witzes lauert stets die Traurigkeit eines verkorksten Lebens.

„Die Beschissenheit der Dinge“ ist bittersüß und ebenso unflätig wie poetisch. In Cannes gab es dafür den Prix Art et Essai.